Düsseldorf Marathon 2005
Jörn Kreinberg
Mein erstes Rennen

08.Mai 2005 - Nachdem ich (Jörn Kreinberg) Bonn und Hamburg wegen Krankheit ausfallen lassen musste, konnte ich in Düsseldorf endlich an den Start gehen. Ich hatte vorher schon Fahrer kennen gelernt die länger dabei waren und mir gute Tipps gaben. Einen Abend vorher, bei Abholung der Startunterlagen, hatte ich noch bei einem erfahrenen Biker nachgefragt wie lange man sich vor dem Start aufstellen sollte. 20 Minuten wurde mir mitgeteilt. Auch alle anderen Fragen wurden mir beantwortet. Eine sehr angenehme und kameradschaftliche Atmosphäre.

Start beim ersten Handbike Rennen

Der Renntag: Morgens 5:30 Uhr geht der Wecker. Unchristliche Zeit wie auch meine Lebensgefährtin findet. Fertig machen, Frühstücken und ab ins Auto, um in Richtung Ziel zu fahren. Um 8:00 Uhr werden die Straßen gesperrt. Auf dem Parkplatz angekommen ist es noch zu früh zum Warmfahren. Wir sitzen im Auto, draußen ist es bitterkalt und ich bin müde. Die Gedanken sind: "Was machst du hier eigentlich, was soll das.............."
Zeit ins Bike zu steigen und warm fahren. Die Müdigkeit und das Frieren vergehen schnell. Lampenfiber setzt immer mehr ein. Beim Warmfahren komme ich mit einem anderen Fahrer ins Gespräch. Die 20 Minuten bis zum Start sind da, aber er beruhigt mich, dass wir noch Zeit haben und dass es genügt, wenn wir kurz vorher zur Startaufstellung fahren. Die Minuten vergehen und mein Gesprächspartner erzählt, dass er auch erst zwei Rennen gefahren ist. Mir kommen Zweifel ob er die Lage richtig einschätzt zumal keine Biker mehr zu sehen sind.

Also los, Richtung Start. Und es kommt wie es kommen musste. Alle haben sich schon aufgestellt und ich zeige mit Handbewegungen, dass ich irgendwie durch die Reihen ans Ende muss. Niemand rührt sich und statt in die zuvor noch freundlichen Gesichter sehe ich in Gesichter, die durch mich hindurch gucken und wie eine Meute hungriger Wölfe warten, um ihre Beute zu jagen (wobei die Beute hier das Ziel ist). Ein paar Biker machen doch etwas Platz und Zuschauer rücken die Absperrung ein paar Zentimeter zur Seite. Peinlich, peinlich......

Der Startschuss: Vorne toben sie los wie ein Tornado. Wie war noch der Tipp von den alten Hasen? Windschatten suchen, immer 10 cm dranbleiben. Ein Hinterrad nach dem anderen zieht von dannen. Nach 400m ist der Puls auf über 160, die Luft wird knapp - nach 800m denke ich ans Aufgeben. Kein Hinterrad mehr an das man sich hängen kann und ich entschließe mich, mein Bestes zu geben und was dabei herauskommt, ist dann für mich in Ordnung. Auf der anderen Straßenseite kommen mir die Ersten schon wieder entgegen - für Depressionen keine Zeit.

Bei Kilometer 5 nehme ich im Augenwinkel einen großen Schatten wahr. Der Schatten zieht vorbei und ich sehe vor mir einen Adaptivbiker mit einem breiten Kreuz der viel Windschatten verspricht. Also 10cm dahinter mit meinem neu erworbenen Rennbike. Im Kopf gehen die Gedanken zwischen "Mein Gott ist der schnell" und "dranbleiben, dranbleiben" hin und her. Da tauchen von vorne Skater auf. Sie haben die Pylonenreihe in der Mitte der Fahrbahn durchbrochen und kommen uns auf unserer Seite entgegen. Die Situation wird immer brenzliger weil die Skater nur ganz knapp vor uns nach links und rechts ausweichen und die nachfolgenden Skater uns dadurch immer später sehen. Mein Vordermann hat keine Chance, die Sache zu entschärfen als er schon mit einem Skater kollidiert und nach links wegkippt. Ich kann noch rechts ausweichen und spüre das mich etwas an der Hand trifft. Was machen? Ich schreie so laut ich kann und ziehe an den äußeren Rand der Fahrbahn und weiter geht´s. Die Streckenführung geht in eine Linkskurve und es kann keiner mehr von vorne kommen. Wie es wohl dem gestürzten Windschattenspender geht? Hoffentlich hat er nichts Ernstes abbekommen. Zuschauer feuern mich an. Da nehme ich im Augenwinkel wieder einen großen Schatten wahr. Was ist das? Es ist wieder mein gestürzter Windschattenspender! Als er vorbeizieht, an seinem Mund klebt Blut, pöbelt er über die Skater. Zu recht wie ich finde, aber ich kann ihm das nicht sagen, weil ich keine Chance habe, dran zubleiben. Er legt seine ganze Wut in die Kurbeln. Das spornt an und macht Mut. Anschluss halten kann ich trotzdem nicht.

Dann taucht in der Ferne endlich ein Biker auf, den ich rasch einholen kann. Mit abwechselndem Windschatten fahren ist es doch einfacher. Jeder gibt sein bestes. Da höre ich ein Kind zu seiner Mutter rufen: "Guck mal die beiden fahren so langsam, fahren die kein Rennen?" ----------------- "Idiot, Gott´s verdammter" denke ich. Erst nach dem Rennen werde ich darüber lachen können. Wir sammeln noch einen Fahrer ein. Zu dritt geht es den Anstieg zur ersten Brücke hoch. Als norddeutscher Flachländer habe ich das Gefühl ich muss die Zugspitze erklimmen - Geschafft! Irgendwann sind wir nur noch zu zweit und fahren dem Ziel entgegen, es klappt gut mit uns beiden. Bei Kilometer 35 eröffnet mir mein Konkurrent, dass wir einen Zahn zulegen müssen, um unter 2 Stunden zu bleiben. Unter 2 Stunden? Ich hatte mir als beste Zeit 2:10 erhofft. Er zieht das Tempo an und ich kann nur im Windschatten folgen. Bei Kilometer 39 kann ich wieder Führungsarbeit leisten. Als ob wir nicht schon genug erlebt hätten, fängt es an zu regnen. Egal, Augen zu und durch. Erste Gedanken wie ich den Endspurt angehen soll............noch 1 km! Da schiebt sich eine Skatergruppe zwischen uns. Mein Konkurrent erwischt ein Lücke und ist ein paar Meter vor mir. Ich versuche mir einen Weg zu bahnen, aber die Skater lassen sich nicht aus der Ruhe bringen. Das Ziel. Auf einmal ist das Rennen aus und jemand drückt mir eine Medaille in die Hand. Das glückliche Gefühl was dann eintritt kann ich nicht beschreiben. Das muss man selbst erleben. Die Biker die ich im Ziel wiedertreffe sind nicht mehr die Meute hungriger Wölfe sondern die liebenswerten Kameraden. Übrigens blieb die Zeit mit 1:59:48 unter zwei Stunden und ich freue mich schon auf das nächste Rennen.