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- Dr. Reiner Pilz -
1975 - 100m-Wettkampf im Normalstuhl
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1982 - Start in Berlin
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1983 - Nach dem Marathon im Langsitz-Rollstuhl
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1988 - Philippe Couprie (FRA) und Erwin Zemp (CHE) im Vierrad, während Gregor Golombek (GER) im Hintergrund bereits ein Dreirad fährt
1988 - Philippe Couprie (FRA) und
Erwin Zemp (CHE) im Vierrad,
während Gregor Golombek (GER)
im Hintergrund bereits ein Dreirad fährt 
2002 - Start beim Berlin-Marathon im modernen Rennstuhl
2002 - Start beim Berlin-Marathon
im modernen Rennstuhl

Es gibt ein Schwarz-Weiß-Bild aus dem Jahre 1948, auf dem in einer Turnhalle ein paar junge Männer in verschlissenen Ledersesseln zu sehen sind. Sie versuchen einen Ball in den Basketballkorb zu werfen. Das Besondere jedoch ist, dass neben den Armlehnen dieser Sessel große Räder mit Greifreifen angebracht sind, unterhalb der Rückenlehne befindet sich ein weiteres kleines Rad an einem Schwenklager. Jetzt wird die Situation verständlich: es sind Ball spielende Behinderte, ihr Bewegungsgerät ist dieser „Rollsessel“.

Dieses frühe Bild Sport treibender Patienten stammt von den ersten Sportspielen in Stoke Mandeville, etwa 80km westlich von London. Es ist Nachkriegszeit. In diesem Armeehospital unter der Leitung des vor den Nazis geflohenen deutsch-jüdischen Neurologen Sir Ludwig Guttmann wurden Kriegsversehrte mit Rückenmarkverletzungen rehabilitiert. Sir Guttmann sagte einmal anerkennend über seine neue Heimat: „Nur England war verrückt genug, eine so verrückte Idee zu akzeptieren und zu unterstützen, Schwerstbehinderte Sport treiben zu lassen.“ Das drückt den revolutionierenden Schritt in der damaligen Zeit am besten aus. Medizinisches Denken und gesellschaftliche Haltung wurden gleichermaßen auf den Kopf gestellt. Sprach man doch derartig Behinderten jede physische Leistungsfähigkeit ab. Beim damaligen Stand der Medizin war es noch ein an Wunder grenzender Erfolg, wenn sie einfach nur überlebten.

Aber was in dieser Klinik begann, funktionierte und Früchte trug, wurde mit der Gründung der ersten internationalen Stoke-Mandevill-Games 1952 zur weltweit praktizierten Idee – der Rehabilitationssport für Querschnittgelähmte etablierte sich dank engagierter Ärzte und Physiotherapeuten in vielen Ländern. Natürlich hatte Sir Guttmann vordergründig den medizinisch-rehabilitativen Aspekt im Auge, übersah aber auch nicht, dass erlebte Leistungsfähigkeit seiner Patienten positiv auf Psyche und gesellschaftliche Anerkennung wirkten.

Mit folgendem medizinischen Fortschritt ging auch der technische Fortschritt einher, die klobigen rollbaren Sessel wurden durch Stahlrohrkonstruktionen ersetzt, die wendiger und praktischer handhabbar waren. Diese Rollstühle wurden nun zu einem Sportgerät bei der Rehabilitation und als Wettkampfgerät Behinderter im Bogenschießen, Tischtennis, Basketball, Leichtathletik u.a. Besonders bei den Bewegungssportarten wurde ein leichter und gut konstruierter Rollstuhl zum Vorteil in der Wettkampfleistung. Das blieb nicht ohne Konsequenzen auf Veränderungen. Sir Guttmann erkannte das Dilemma. Einerseits beobachtete er wohlwollend den Zugewinn an Beweglichkeit, warnte jedoch davor, Sportart spezifische Rollstühle zu entwickeln. Im täglich genutzte Rollstuhl sollten schließlich die Alltagssituationen simuliert werden. Optimal funktionierender rollender Ersatz für die Beine war das rehabilitative Ziel, nicht ein Risiko belasteter Leistungssport.

Das aber reichte den Rollstuhl fahrenden Sportpionieren nicht aus. Ihre Ansprüche und Fragen gingen weiter: gibt sich denn ein nichtbehinderter Sportler mit Straßenschuhen oder einem Klapprad zufrieden? Warum wird mir als Behinderten verwehrt, meine Grenzen auszuloten? Zumal es traumatisch bedingte Veränderungen des körperlichen Zustandes waren, die nun ganz neue Grenzen gesetzt hatten. Warum soll mir der Leistungssport versagt werden, nur weil ich behindert bin? Legitime Fragen der Betroffenen, die jeder für sich selbst entscheiden wollte, ebenso wie es jeder Nichtbehinderte darf, mit dem Arzt als Ratgeber, nicht als Polizist.

Auf die Olympischen Spiele in München 1972 folgten in Heidelberg im gleichen Jahr die Weltspiele der Behinderten. Als Wettkampf im Schnellfahren wurden lediglich 100m angeboten und im Normalstuhl absolviert. Aber die Ausdehnung auf die von der Leichtathletik besetzten Distanzen war nicht aufzuhalten als der US-Amerikaner Bob Hall 1974 erfolgreich einen Marathon gefahren war. Es bedurfte solcher Pioniere und ihrer Leistungen, um den Sport aus den Kliniken zu holen und in die Öffentlichkeit zu bringen. Gleichzeitig begannen Behinderte selbst mit der Entwicklung von Spezialrollstühlen. Vor allem auf dem Gebiet der Schnellfahrstühle. Einen großen Anteil daran hatte der spätere mehrfacher Paralympicsieger für Deutschland, Errol Marklein, der zunächst mit Umbauten am Rollstuhl begann, bis er schließlich Neukonstruktionen des Rahmens präsentierte. Die damit erreichten Geschwindigkeiten und Erfolge zwangen zum Nachahmen, ein Wettrüsten begann.

Es war eine spannende Zeit mit unglaublich schnellen Fortschritten für diese, an ein technisches Gerät gekoppelte Sportart. Ein wesentlicher Aspekt bei der Gestaltung des speziellen Schnellfahrstuhles war die Ergonomie, die auf die erhaltenen körperlichen Funktionen abzielte sowie die durch auftrainierte Kraft möglichen Hebelwirkungen. Die Greifreifen wurden kleiner, teils extrem klein mit Durchmessern wie Frühstücksteller. Um diese bewegen zu können, musste man tiefer sitzen, die Beine nach vorn gestreckt im Langsitz. Die Laufräder wurden auf Sturz gestellt. Der seitlichen Abdrift wurde mit Lenkhilfen wie Gummiseilen, Zug- und Druckfedern, letztlich mit Stoßdämpfersystemen entgegengewirkt. So die Rennstühle Anfang der 80er Jahre mit noch vier Rädern, wie es das Reglement vorsah. Zu den Paralympics 1988 in Seoul kam dann das Dreirad. Gleichzeitig Veränderung der Sitzposition als Tiefhocke mit nach vorn geneigtem Oberkörper. Derart kompakt entfiel das Defizit eines gelähmten Rumpfes und gelähmter Beine. Der Greifreifen wurde nicht mehr gegriffen. Mit speziell gestalteten Handschuhen wurde nun mit einer Ausholbewegung mit Schwung in den Greifring hineingeschlagen. Das bestimmte sichtbar den neuen Fahrstil. So konnten die Geschwindigkeiten nochmals erheblich gesteigert werden. Besser war es nun wieder, den Greifreifendurchmesser zu erhöhen. Am Material wurde experimentiert. Vor allem aus dem Radsportbereich konnte vieles übernommen werden, das leichter und stabiler war. Rahmen aus Titan- oder Aluminiumlegierungen und Karbonräder mit Schlauchreifen werden heute selbstverständlich genutzt.

Könnte Sir Guttmann den gegenwärtigen Stand erleben, wäre er wohl mit der Entwicklung versöhnt und würde wohlwollend auf die athletischen Patienten blicken. Diese wissen ihren Normalstuhl ebenfalls sehr gut zu bewegen, denn die Materialschlacht um die Spezialsportstühle wirkte synergistisch auf Konstruktion und Design für den alltagstauglichen Aktivstuhl.

Neben der Gerätetechnik fanden Trainingsmethoden und Sportmedizin aus dem Leistungssport Eingang, die Trainingsumfänge wurden deutlich erhöht. Heute sind für Langstreckenfahrer während der Aufbauphase Wochenleistungen von 300-400 km keine Ausnahme. Anders wären die erzielten Zeiten nicht möglich. Der Berlin-Marathon, seit 1981 mit Beteiligung von Rollstuhlfahrern, Jahresereignis nicht nur für die europäische Spitzenklasse, hat einen großen Anteil an der Entwicklung der Bestzeiten. Andere Behinderungen wie Polio, Amputationen, aber auch Nichtbehinderte sind längst mit im Feld der rollenden Marathonis zu finden und erweitern die Konkurrenz. Das Sportgerät Rennstuhl als Zeichen dieser aus der Rehabilitation stammenden Sportart vereint sie alle – und das ist gut so!

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